Das Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW bzw. FAW/n) in Ulm wirft in seinen Arbeiten zum sozialen Ausgleich den Blick auf die Gesellschaft als Ganzes und nicht nur auf das Segment der Armen. Das heißt, dass uns das Verhältnis der Einkommensanteile der Reichsten 20 % zu den übrigen 80 % wichtiger zum Verständnis der sozialen Balance ist als die Feinverteilung der insgesamt kleinen Einkommensvolumina bei den 5 % Ärmsten. Geht man mit diesem Blickwinkel an Gesellschaften heran, ist ein mathematisches Kalkül möglich, welches die soziale Struktur einer Gesellschaft angenähert über einen einzelnen (Equity-)Parameter ε beschreibt, der zwischen 0 und 1 variiert und als Prozentgröße interpretiert werden kann. Anschaulich beschreibt er den Bezug zwischen den Einkommen sehr armer Bürger und dem Durchschnitt der Einkommen; ε = 0,40 bedeutet dann z. B., dass sehr arme Bürger nach Steuern, Sozialtransfers und innerfamiliären Lastenausgleich etwa 40 % des entsprechenden Durchschnittswertes der Gesamtgesellschaft zur Verfügung haben. Die anhängende Grundlagenarbeit (Kämpke, T., R. Pestel und F. J. Radermacher: A computational concept for normative equity. Europ. J. of Law and Economics, No. 15, Vol. 2, 129-163, 2003) beschreibt die Zusammenhänge.
Auf der Basis dieser Struktur lässt sich zunächst einmal vieles an Erkenntnis über unterschiedliche Gesellschaften ableiten. Empirisch ergibt sich, dass sich alle reichen Gesellschaften in einem Balanceniveau von 45 – 65 % Equity im Sinne dieser Theorie bewegen. Balance ist in diesem Sinne (empirisch) Voraussetzung für breiten Wohlstand. Das lässt sich auch theoretisch begründen, vgl. hierzu „Equity, Wealth and Growth: Why Market Fundamentalism Makes Countries Poor” von Pestel, R., F. J. Radermacher (Manuscript to the EU Project TERRA 2000, FAW, 2003). In dieser Begründung spielt eine breite allgemeine Bildung und ihre Querfinanzierung eine zentrale Rolle. Sie bildet den Kern des sozialen Ausgleichs.
Die Situation ist für ärmere Länder etwas anders. In Aufholprozessen kann etwas mehr Ungleichheit hingenommen werden, weil richtig organisierte Aufholprozesse (à la China) enorm hohe Wachstumsraten ermöglichen. Je weiter der Aufholprozess fortschreitet, umso zwingender wird allerdings schließlich der Übergang zur Balance, die wieder in natürlicher Weise zur Staatsform der Demokratie korrespondiert.
Umgekehrt ist zu erwarten, dass bei wohlhabenden Gesellschaften Demokratie auf entsprechende Verteilungsrelationen führt. Sie entsprechen dem ökosozialen Modell für Wirtschaft und Gesellschaft.
Die in diesem Kontext am FAW/n gewonnenen Einsichten sind in die Überlegungen der Global Marshall Plan Initiative und weiterer Partner eingeflossen. Die oben erwähnte Publikation von Kämpke, Pestel, Radermacher zur Equity-Theorie und zu der Frage, welche Equity zu balancierten und reichen Gesellschaften führt, bildet dafür eine wichtige Basis.
