1. Herr Professor Radermacher, wie kann die von Ihnen als positives Zukunftsmodell vorgeschlagene Ökosoziale Marktwirtschaft angesichts der derzeitigen Krise der internationalen Finanzmärkte verwirklicht werden? Ist ihre Durchsetzung schwieriger geworden oder bietet die Krise auch Chancen?
Die aktuelle Krise bietet eine Chance. Es ist für viele Menschen deutlich geworden, dass ein ausschließlich an Ideen der freien Märkte und der Liberalisierung orientiertes Ökonomiemodell primär eine „Plünderungsstruktur“ zugunsten weniger und zu Lasten vieler ist. Die klassische ordoliberale Position einer adäquaten Regulierung des Ökonomischen ist die überfällige Antwort. Allerdings muss diese Regulierungsaufgabe in Zeiten der Globalisierung auf supranationaler Ebene geleistet wird, was extrem schwierig ist, da entsprechen durchsetzungsfähige globale Governancestrukturen fehlen. Ziel muss eine weltweite marktwirtschaftliche Ordnung sein, die überall und konsequent den Schutz des Sozialen wie der Umwelt durchsetzt und auch die dafür nötigen Querfinanzierungsmaßnahmen über Steuern, auch globale Steuern, aufbringt. Die Finanzkrise liefert interessante Ansatzpunkte, vor allem, wenn man Sie in Parallelität zu den aktuellen Verhandlungen im Bereich des Klimas sieht. Mit Bretton Woods II, der notwendigen „Einhegung“ der Steuerparadiese und Kyoto II liegt etwa die Hälfte der Global Governancethematik auf dem Verhandlungstisch. Und zwar die handlungsrelevantere, da das Eigentum mächtiger Akteure betroffen ist. Entscheidend ist es im Moment, aus der gegebenen Situation die richtigen Schlüsse zu ziehen und die notwendigen Regelungen durchzusetzen. Von ökosozialer Seite arbeiten wir seit Jahren an diesen Fragen.
2. Zur Stabilisierung des Finanzsystems stellen nationale Regierung derzeit Milliardenbeträge bereit, gehen damit Mittel für das Umsteuern in Richtung Nachhaltigkeit/Klimaschutz verloren? Was bedeutet das für den Global Marshall Plan?
Es ist richtig, dass die Regierungen im Moment dreistellige, in der Summe vierstellige Milliardenbeträge zur Stabilisierung des Weltfinanzsystems einsetzen. Und das ist nötig! Denn wenn dieses System kollabiert, kollabiert die Realökonomie mit allen Konsequenzen für uns alle. Bei den hohen Mitteln, die eingesetzt werden, ist zu beachten, dass es sich weit überwiegend nicht um wirklich fließende Mittel, sondern um Bürgschaften handelt. Und dass diese Bürgschaften in der überwiegenden Zahl der Fälle nicht realisiert werden. Es geht um Stabilisierung von Verhältnissen durch Übernahme von Bürgschaften. Entsprechende Mittel gehen dem Klimaschutz nicht verloren. Wahr ist allerdings, dass im Moment die Aufmerksamkeit der Politik vielleicht zu sehr auf die kurzfristig drängenden Fragen im Finanzsektor gerichtet ist und dadurch die längerfristigen Themen etwas in den Hintergrund geraten. Wir meinen, dass die Themenbereiche unbedingt in Wechselwirkung zusammen betrachtet und gekoppelt behandelt werden müssen. Insbesondere bietet zur Bewältigung der Klimafrage ein globales Cap and Trade System in Verbindung mit Prinzipien der Klimagerechtigkeit einen interessanten Ansatz, Fragen der Global Governance in einer Weise zu adressieren, die sowohl für das Klima positiv ist wie für die langfristige Stabilität im Bereich des Weltfinanzsystems und für eine nachhaltige Entwicklung.
3. Ein wichtiger Aspekt für eine nachhaltige Wirtschaftsweise ist der deutlich sparsamere Umgang mit Ressourcen und Energie. Dabei setzt die Bundesregierung zur Verbesserung der Ressourceneffizienz sowohl auf technische Lösungen als auch auf eine bessere Vernetzung der Akteure? Wie beurteilen Sie diesen Weg?
Grundsätzlich ist die Strategie der Erhöhung der Ressourceneffizienz der richtige Weg, um auf die aktuelle Ressourcenkrise zu reagieren. Heute geht es um Dematerialisierung und die Aktivierung eines Faktor 4-/Faktor 10-Potentials. Allerdings ist bei Effizienzfragen immer der Bumerangeffekt zu beachten, aufgrund dessen historisch die Erhöhung der Effizienz häufig zu einer Steigerung der Ressourcenzugriffe und nicht zu einer Reduzierung geführt hat, und zwar wegen der Ausdehnungseffekte, die häufig mit Kostendegressionen verbunden sind, die wiederum aus höherer Effizienz resultieren. Der Umgang mit dem Bumerangeffekt erfordert eine vernünftige Global Governance. Die Global Governancethematik ist ähnlich wichtig wie technischer Fortschritt und die Erhöhung der Ressourceneffizienz. Diese Sicht auf die Problematik vertreten der Club of Rome und das Ökosoziale Forum Europa schon lange. Die sicherzustellende Parallelität in beiden Innovationsfeldern ist in Zukunft unbedingt zu beachten.
4. Sie fordern nicht nur Staat und Politik, sondern auch Unternehmen auf, sich stärker einer globalen Perspektive zu stellen und mitzuwirken, um die bedrohlichen Zukunftsszenarien wie Kollaps und Brasilianisierung abzuwenden. Was muss getan werden?
Dringend notwendig ist der Erkenntniszuwachs, dass eine globale Regulierung in einem ordoliberalen Sinne, orientiert an Prinzipien einer Ökosozialen Marktwirtschaft, die Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung und eine tragfähige Zukunftsgestaltung ist. Würde das gelingen, würde sich die Situation für Unternehmen, gerade auch in Bezug auf Corporate Governance, deutlich erleichtern. Solange das nicht gelungen ist, liegt viel zusätzliche Verantwortung bei Unternehmen im Sinne von Corporate Sozial Responsibility, Corporate Governance und konsequenter Compliance. Firmen müssen sich den offensichtlich ständig wachsenden Herausforderungen stellen, aus eigenem Interesse und wegen der Menschen, gerade um höchst problematische Zukünfte wie Kollaps und Brasilianisierung zu vermeiden. In einem doppelstrategischen Sinne mache es Sinn, einerseits auf Regeländerung hin zu argumentieren und andererseits im Rahmen der eigenen Möglichkeiten jetzt schon aktiv zu werden, bevor die Regeln für alle entsprechend verändert werden können.
5. Insbesondere für den Mittelstand sehen Sie durch die Globalisierung eher finstere Perspektiven, von „Ausplünderung“ ist die Rede. Welche Alternativen bieten sich ihm unter den Bedingungen einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft?
Unter Bedingungen einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft ist die Situation für den Mittelstand besonders günstig. Das ökosoziale Element bringt zunächst einmal insgesamt das größte, langfristig wirksame Wachstum hervor, indem es insbesondere den Ausgleich und damit die Mitte fördert. Das sind für den Mittelstand die besten Bedingungen. Umgekehrt ist ein starker Mittelstand eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine wirklich lebenswerte Zukunft, in der alle Menschen ihre Chancen und Potentiale entwickeln können und wir alle, indem wir das tun, auch noch das Gemeinwohl maximal fördern. Das war schon das Anliegen von Ludwig Ehrhard „Wohlstand für Alle“, und interessanterweise auch schon das Anliegen von Adam Smith, der ja von Haus aus Moralphilosoph war und der das Thema der „unsichtbaren Hand“ ins Zentrum gerückt hat, das Eigennutz und Gemeinwohlorientierung geeignet verbindet. Aber die unsichtbare Hand fällt nicht vom Himmel, sie ist die Folge einer adäquaten ökosozialen Regulierung.
6. Muss die mittelständische Wirtschaft auf staatliches Handeln warten oder gibt es Möglichkeiten, unabhängig davon pro aktiv zu handeln?
Die mittelständische Wirtschaft kann sofort an vielen Stellen aktiv werden. Viele Unternehmen tun das und profitieren von einer vernünftigen Corporate Governance und von konsequenter Compliance. Eine solche Positionierung bietet nämlich insbesondere ein großes Motivationspotential für Mitarbeiter und verhindert im Sinne eines Risikomanagements viele latente Risiken. Dies sind diejenigen Risiken, die aus nicht vertretbaren Aktivitäten mit Blick auf die Weltumweltsituation, die Weltklimasituation, aber insbesondere auch sozial-kulturelle Konstellationen resultieren. In den letzten Jahren hat eine Reihe von Unternehmen für Fehlpositionierungen in diesem Bereich teuer bezahlen müssen, vor allem im Kontext von Markenprodukten.
